Bis ans Ende der Träume: Auf dem Landweg nach Indien
 
von Jessica Marske und Carsten Fricke
Taschenbuch: 260 Seiten
Verlag: Traveldiary.De
Auflage: 1 (Mai 2004)

 
Weltreise-mit-Kind Bewertung:
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Rezension von Dr. Lars Hein

Jessica und Carsten sind über Land „bis an das Ende der (ihrer) Träume“ gereist und haben es in Goa, Indien, gefunden. Daß aus Träumen gelegentlich auch Albträume oder gar Traumata werden können, beschreibt Jessica in dem gleichnamigen Reisebuch, das im wesentlichen auf den Tagebuchaufzeichnungen ihres Lebensgefährten beruht.

Zunächst sollte alles ganz unkompliziert beginnen: Nicht mit Kindern aber zunächst mit (nur) drei mittelgroßen Hunden und einem ausgesonderten und zum Wohnwagen umgebauten Möbeltransporter, der – benannt nach dem aussondernden Möbelhaus - liebevoll „Hesebeck“ genannt wird, machen sich die Protagonisten auf den Weg. In welchem Jahr dies geschah und wann die Reise insgesamt verlief, bleibt während des gesamten Buches offen.

Sicher ist nur, dass der Plan lautete, auf dem Landweg Europa über Istanbul zu verlassen und vom Bosporus die „Rumpelpisten“ Anatoliens, des Irans, und Pakistans aufzubrechen und irgendwann in Indien anzukommen. Dass es sich hierbei mit einem aufpolierten Bastlerauto per se schon um ein gewagtes Unternehmen handelt, welches durch drei Vierbeiner nicht gerade erleichtert wird, liegt auf der Hand. Hinzu kommt, dass Jessica unbekannt schwanger ist und ihr Nachwuchs nach einem Spontanentschluß der Eltern auf dem Dach der Welt in Nepal deren Licht erblicken soll.

Das größte Reisehindernis ist allerdings eine bis ins Unverständliche reichende Hilfsbereit-schaft für notleide Straßentiere, insbesondere Hunde. Diese Neigung führt nicht nur einmal dazu, dass Carsten für einen zufällig gefundenen Straßenhund, die restliche Familie kurzfristig verlässt, um mit diesem per Flugzeug für eine veterinärmedizinische Behandlung nach Deutschland zurückreist.

Mit erstaunlichem Geschick und Glück werden jedoch die wesentlichen Hindernisse der zweijährigen Reise gemeistert. An ein Wunder grenzt es, dass der Hesebeck zwischendurch nicht gestohlen und die wachsende Familie aufgrund ihrer Tiervernarrtheit nicht auf offener Straße gelyncht wurde. Glück hatten Carsten und Jessica auch, dass ihre Tochter, die sie nach einem hinduistischen Gebet und der darin enthaltenen Götterverehrung Pooja nennen, nicht nur wohlerhalten in Bangkok auf die Welt kommt (man hatte nach einer Empfehlung den Geburtsort kurzfristig nach Thailand verlegt), sondern vor allem, dass die Familie trotz schwerster Ungewitter auf einem Longtail-Boot vor Ko Samui oder trotz ihrer Hunde im nashornbevölkerten nepalesischen Terrai tatsächlich überlebt hat und bis ans Ende der Träume kommen konnte.

Die Autorin erzählt von wahrhaftigen Abenteuern, bei denen sich der durchschnittliche Mitteleuropäer oftmals nur kopfschüttelnd und stirnrunzelnd von Seite zu Seite liest. Das Unverständnis beruht vor allem auf der Arglosigkeit, mit der Jessica und Carsten die Dinge offenbar angegangen sind oder zumindest schildern.

Ohne die permanente Hilfsbereitschaft, die sie in der Ferne beanspruchten und zumeist auch erhielten sowie eine großartige Unterstützung durch Familie und Freunde in der Heimat, wären so manche Kapriolen sicherlich nicht denkbar gewesen. Auch fragt sich selbst der reiselustige Leser, wenn er denn junger Familienvater ist, ob ein mehrstündiger Flug einer werdenden Mutter im 8. Schwangerschaftsmonat, mehrtägige Rumpelpistenfahrten und Grenzüber-schreitungen sowie die in Kathmandu (Nepal) herrschenden hygienischen Verhältnisse wirklich einen verantwortungsvollen Umgang mit ungeborenem Leben darstellen.

Ich möchte mich bei meiner Kritik – um wirklich nicht falsch verstanden zu werden –nicht dem Vorwurf westlich-dekadenter Spießigkeit aussetzen und schließlich ist auch (fast) alles gut gegangen. Aber nüchtern betrachtet, hätte auf der Reise von Jessica und Carsten vielmehr (selbst verschuldet) schief gehen können, ja müssen, als das, worüber sich die Autorin gelegentlich ohnehin schon beklagt und wenn sie sich als Frau in islamischen Ländern „ungerecht“ behandelt fühlt, zudem auch verletzt sieht …

Stirnrunzeln ruft aber teilweise auch die zuweilen etwas konfuse Darstellung der Dinge hervor: Die Autorin verlässt immer wieder begonnene Gedanken, um zukünftige Ereignisse vorwegzunehmen. Das führt zu im Ergebnis vermeidbaren Doppelungen, da der Leser den erst später zu Schildernden Verhalt bereits schon kennt. Ähnlich unsystematisch geht die Autorin mit der Verwendung von Fußnoten um, die eigentlich in einem nicht wissenschaftlichen Text ziemlich überflüssig wirken, zumal sie manchmal Informationen enthalten, die in den Fließtext gehört hätten. Andererseits enthalten sie Details über Unterkünfte, Kosten hierfür und sonstige Reiseinformationen, mit denen selbst der geneigte Leser nichts anfangen kann, weil sie dann doch nicht vollständig genug sind.

Ein bisschen mehr Lektorat wäre hier wünschenswert gewesen. Auch das Bemühen einer geschlechtergerechten Sprache, die sich vorwiegend durch ein Binnen-I auszeichnet, fördert nicht unbedingt das Lesevergnügen. Allerdings sollte dieser Umstand für sich genommen nicht vom Lesen des Buches abhalten, da das Binnen-I immer nur gelegentlich und dann auch nur für zwei oder drei redigierte Seiten am Stück auftaucht. Mann nervt es aber trotzdem.

Meine Kritikpunkte werden jedoch weitgehend durch das Leseerlebnis an sich, nämlich das Eintauchen in eine sehr extravagante und spannende Reisewelt, kompensiert. Jessica und Carsten haben Plätze auf dieser Erde entdeckt und dabei Eindrücke gesammelt, die selbst abenteuerlustigsten Rucksacktouristen auf vergleichbaren Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln verborgen geblieben wären. Einige davon finden sich auf schwarz/weiß- Bildern an ausgewählten Stellen des Buches.

Die von ihnen besuchten Länder wurden nicht nur „bereist“. Sie haben sich mit ihnen auf eine ganz besondere, freilich nicht immer konfliktfreie Art auseinandersetzen müssen. Faszinierende Sonnenuntergänge, die Einzigartigkeit asiatischer Kulturstätten, der Genuss fremdländischer Kulinarien und Erfahrung ehrlicher und offener Gastfreundschaft bleiben aber als unwiderrufliche Erinnerungen zurück. Auch haben sie in der Ferne Freundschaften gefunden und bestimmt ein Stück näher zu sich selbst gefunden und in einer vergänglichen Zeit einen vermutlich „soliden“ Grundstein für das Entstehen einer Familie gelegt, die den Anfechtungen des Alltags standhält. Von diesem Alltagsleben – vor allem mit Kind - hätte das Buch aber etwas ausführlicher berichten können.

Wer unter den Bedingungen, denen Jessica, Carsten (und später auch Pooja) samt Hunden auf ihrer Reise ausgesetzt waren, klar kommt, kann daheim allenfalls durch Langeweile aus der Bahn geworfen werden. Davon wird bei dieser Familie – die nächsten Reisepläne sind bereits geschmiedet – aber nicht auszugehen sein. Ob davon auch zu lesen sein wird bleibt abzuwarten.

Kaufempfehlung
Es handelt sich in erster Linie um ein Reiseabenteuerbuch und lädt sicherlich nur sehr hartgesottene Rucksackreisende, etc. zur Nachahmung einer solchen Reise ein. Als spannende Reiselektüre ist es jedoch für jedermann unterhaltsam und daher zum Erwerb durchaus zu empfehlen.
 

Weltreise-mit-Kind Bewertung:
Infogehalt / Aktualität:
Neuartigkeit:
Nutzwert für die Praxis:
Buchaufbau/ Struktur:
Stil/ Lesefreude:
Gesamt:
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