KAMBODSCHA + VIETNAM

09.11.2004 bis 24.11.2004  |  09.11  10.11  11.11  12.11  14.11  17.11  Tagebuch 24.11  >>

Ein Drachenboot.


Der moderne vietnamesische Steuermann leuchtet sich seinen Weg selbst.
Eine Grenzfahrt, die ist lustig [24.11.2004]

Heute werden wir Kambodscha verlassen, um über eine, wenn nicht die einzig mögliche, Wassergrenze nach Vietnam weiterzureisen. Dazu müssen wir eine dreistündige Bootsfahrt auf uns nehmen. Das tun wir gerne nach den positiven Erfahrungen mit dem Schnellboot nach Siem Reap.

Um 12 Uhr sollte es eigentlich losgehen. Die Zeit verstreicht. Auf dem Tonle River wird bereits fleißig für das bevorstehende Water Festival geprobt. Lange, schlanke und reich geschmückte Drachenboote, beladen mit fast fünfzig Ruderern, mühen sich in der vollen Mittagshitze entgegen der Strömung hoch (Bild links). Dann wird gedreht und im Vollspurt mit der Strömung unterm Kiel wieder zurück gehetzt. 

Um 13 Uhr 20 erscheint endlich unser Boot, mit satten achtzig Minuten Verspätung. Es ist eine blecherne Nussschale mit vielleicht 12 Sitzplätzen und einem winzigen überdachten Freideck. Da können weitere sechs Menschen Platz finden - sofern sie nicht größer sind als normal zierliche Vietnamesen. Ich nehme dort Platz und wölbe die Schutzplane mit meinem Kopf so, dass man denken könnte, am Heck hat jemand sein Zelt aufgeschlagen. Da ich alternativ nicht die ganze Bootsfahrt hindurch auf meine Füße starren möchte, rücke ich auf einen der weiter vorne angebrachten Schalensitze. Annette und Amelie bleiben hinten. Mit uns reisen ein paar Vietnamesen, eine französische Familie mit zwei Kindern sowie ein wortloser deutscher Tourist, der die gesamte Bootsfahrt ängstlich, schwitzend und hektisch seine beiden Rucksäcke umklammert.

So schippern wir gemütlich eine Stunde um die andere den Tonle River hinab, verlieren das Gefühl für die Zeit und gewinnen schöne Blicke auf den üppigen Uferbewuchs. Langsam wird es dunkel, es muss schon halb sechs Uhr durch sein. Eigentlich sollten wir bald am Ziel ankommen, aber wir sind noch nicht einmal an der Grenze.

Inmitten der Dämmerung legt das Boot an einer spärlichen Holzplanke an. Alle müssen aussteigen. Ein paar hektische Handzeichen machen deutlich, dass wir unsere großen Rucksäcke auf dem Boot liegen lassen können. Unsere Daypacks führen wir sicherheitshalber immer am Mann. Wir werden zu einer kleinen Holzhütte geführt. Darin warten zwei grimmige Uniformierte hinter ihren Schreibtischen, die mit faltiger Kambodscha-Standarte und schwirrendem Ventilator bestückt sind. Kurz flackert eine Erinnerung an die schreckliche Vergangenheit Kambodschas auf. Aber als die Kinder in ihr Blickfeld geraten, erheitern sich ihre Steinmienen und sie begrüßen die Lütten mit dem obligatorischen "Hello, Baby!". Die Abfertigungsprozedur geht überraschend schnell vonstatten. Der Pass ist um einen riesigen Stempel reicher und alle sitzen zwanzig Minuten später wieder im Boot.

Wir tuckern ein paar Minuten weiter, um wieder anzulegen. Keine Grenzposten in Sicht, nichts. Ein uniformierter Vietnamese nähert sich auf dem Fahrrad. Er lässt sich alle Pässe aushändigen und radelt in der Dunkelheit davon. Was, wenn der sich nur verkleidet hat? Wieder legen wir ab, fahren ein paar hundert Meter weiter. Und da zeichnet sich eine Siedlung mit Grenzposten aus der Dunkelheit ab.

Alle müssen mit dem kompletten Gepäck aussteigen. Wir schlurfen einem Grenzbeamten hinterher zu ein paar umzäunten Baracken. Kinder strecken uns auf dem sandigen Weg alte Fantaflaschen entgegen und schreien "One Dollar". Vor einer Hütte müssen wir warten. Minuten vergehen. Dann öffnet sich die Tür und wir erblicken eine komplette Röntgenkammer mit Laufband, wie man sie von modernen Flughäfen kennt. Wir vermuten, in Vietnam angekommen zu sein. Flugs wird das Gepäck durchgeschleust und wir trotten zurück zum Boot. Bald darauf legen wir ab. Noch immer ohne Pässe. Mittlerweile ist es stockdunkel. Nur eine kleine Neonleuchte wirft blasses Licht in das Boot. Ein Bootsmann wackelt mit Taschenlampe durch das Boot und händigt die Pässe aus.

Jetzt müssen wir nur noch ankommen. Da öffnet sich der Himmel und lässt sein Wasser frei fallen. Binnen weniger Sekunden wird der Bassac River zum Schlachtfeld der Elemente: Blitze, Grollen und Donner beherrschen das Terrain. Auf den Außenplätzen sitzt niemand mehr, der Wind peitscht die Regentropfen fast waagerecht in jede Öffnung des Bootes. Wasser läuft über den Boden. Schnell, die Rucksäcke auf die Sitze. Nach zwanzig Minuten ist der Kraftakt vorbei. Der Fluss beruhigt sich. Dichter Nebel zieht auf. Das Boot düst mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Der Steuermann lenkt mit der rechten Hand. Mit der linken leuchtet er die ca. fünf Meter vor dem Boot aus (Bild links). Die Nebelsuppe wird immer dichter, das Boot aber nicht langsamer. Wer jetzt in unsere Schusslinie kommt, hat Pech gehabt.

Ich setze mich ans Heck und blicke dem Kielwasser hinterher. Endlich klart es sich auf. Die Ufer ziehen an mir vorbei. Häuser auf Stelzen, Boote, kleine Siedlungen, Pflanzen, Bäume, dichter Bewuchs, alles ist in beschauliches Gelb taumelnder Lampen getaucht. Die Luft ist vom Regen reingespült und mischt sich mit den Gerüchen des Dschungelgrüns. Der Geruch feuchten Waldes dringt in die Nase.

Schließlich landen wir in Chau Doc. Nach über sechs Stunden. Die subjektive Zeitempfindung gaukelt uns eine noch längere Zeitspanne vor. In der ständigen Erwartung, man müsse ja bald ankommen, dehnen sich die Minuten zu Stunden. Nach dieser Endlosfahrt erscheint uns Chau Doc wie der letzte Vorposten der Zivilisation. Der Kai ist verlassen, nur ein paar Jugendliche hocken gelangweilt auf den Geländer. Sind wir hier richtig? Verwöhnt von der Aufmerksamkeit, die uns überall in Kambodscha entgegenschlug, sind wir beinahe empört. Jetzt erst sehe ich, dass wir nicht an einem Kai angelandet sind, sondern an einem Bootsanleger eines Hotels. Wir steigen aus, umrunden die Hotelterrasse und treten durch den Hintereingang auf die sandige Straße. Zwei Rikschafahrer und ein einziges Tuk Tuk stehen müde herum. So, das ist also Vietnam.

Nach diesem völlig unspektakulären Entrée reisten wir noch mehr als fünfeinhalb Wochen im Land herum.
 

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Die Boots- fahrt von Phnom Penh nach Chau Doc, Vietnam, kostete 15 Dollar pro Person. Kinder sind frei.