VIETNAM
24.11.2004 bis 02.01.2005  |  <<  Phu Quok  Saigon  Hanoi  >>

Jungpionierin Amelie: "Hallo, hier Politbüro".

Doktor Fu Manchu lebt!

Brautschau, Brautstau.

Haarsalon mit angeschlos- senem Guesthouse.

Mit dem Moto ran an die Buletten.

Der Amelie-Tag beginnt mit einer Cyclo-Tour.

Kinderträume werden wahr: Der Shark Waterpark.

Der silberne Hans aus Sydney.

Saigon (Ho-Chi-Minh-City)
06.12.2004 - 12.12.2004

Saigon ist nicht außergewöhnlich. Saigon ist äußerst gewöhnlich. Nein, Du bist keine Blume des fernen Ostens. So stromert es es mir nach ein paar Tagen Aufenthalt durch den Kopf. Es fehlen einfach die Highlights.

Gut, da ist der Reunification Palace, der eine pelzige, muffige "Ostmosphäre" verströmt aber überraschend offen zu seinen Besuchern ist: Fast alle Räume sind zugänglich.

Oder das Ho Chi Minh City Museum. Interessanter als jedes Exponat finden wir - besonders Amelie - die vielen Hochzeitspärchen, die sich in Fünf-Minuten-Abständen auf der ansehnlichen Freitreppe und auf dem Balkon des Museums ablichten lassen. 

Ja, die Bewohner Saigons. Nennt man die Saigonser? Eifrig und geschäftig sind sie. Profitlich. Bevor wir noch das Essen im Restaurant bestellen, offerieren uns vier Buchverkäufer ihre Waren. Das nervt.

Es gibt die drei Mädels, die unser Guesthouse leiten. Sie treiben Schabernack mit jedem Besucher. So zeigen sie bei Annette auf einen imaginären Fleck auf der Bluse, um sich dann über den darauffolgenden Nasenstupser köstlich zu amüsieren. In Amelie haben sie sich gleich verknallt. Jedes Mal, wenn wir das Guesthouse verlassen oder zurückkehren, springen sie auf Amelie, bürsten ihre Haare penibel und bändigen die Mähne mit diversen Haarspangen zu einer niedlichen Frisur.

Jaja, Saigon. Was sollen wir bloß von Dir halten? 

Du gehst durch die Straßen, die Händler sprechen Dich an, die Taxifahrer wollen was von Dir, die Cyclofahrer sowieso. Dazu mischen sich Bettler, Motorradgehupe, Autobremsen, Busmotorengeheule. Saigon - ein akustischer Regenwald. Amelie läuft fast nur an der Hand.

Schon mal eine Straße in Saigon überquert? Nie stehen bleiben! Immer im gleichen moderaten Tempo vorangehen, damit der Verkehr Dein Tempo einschätzen und rechtzeitig Umgehungsmanöver einleiten kann. Bei Bussen besser rennen.

So, heute ist Kindertag, da darf Amelie mal bestimmen. Zwei Fahrradrikschas, die hier Cyclos genannt werden, kutschieren uns durch die Stadt. Wie immer herrscht ein Wahnsinnsverkehr. Zielsicher steuern unsere Fahrer im Gegenverkehr, um dann vor einer drohenden Kollision den Lenker herumzureißen und auszuweichen. Amelie quietscht vor Vergnügen. Für sie ist das eine Jahrmarktsfahrt mit ein bisschen Stadt gucken.

Wir steuern den Shark Waterpark an, einen der riesigen Wasserparks in Saigon. Nach Verlassen der Umkleidekabine schreien uns Hundertschaften aufgekratzter Kinder allen Alters unzählige "Hellos" entgegen. Kein einziger Nicht-Vietnamese zu sehen. Nicht mal ein Erwachsener! Wir drei fühlen uns wie im Zoo

Im Wasser wird alles besser. Strömungsbecken, riesige Rutschen, auskippende Mega-Eimer ertränken unser initiales Unwohlsein im puren Spaß. Plötzlich sind die Becken menschenleer. Ein paar Minuten später sehen wir die eben noch krakeelenden Schreihälse jetzt in braver Schuluniform. Fast lautlos rücken sie in Zweierreihen zum Bus ab. Ein paar hundert Rutschmeter später verlässt auch Familie Clavin das spaßige Nass. Das war wirklich ein Amelie-Tag.

Eines morgens lernen wir Hans im Treppenhaus unseres Guesthouse kennen. Hans ist gebürtiger Hamburger, lebt aber seit langem in Australien. 65 Jahre Lebenszeit sieht man dem durchtrainierten, hochgewachsen Silberschopf nicht an. Der deutsch-englische Sprachcocktail, die vielen uralten Seemannstatoos und seine kumpeliger offener Umgang machen uns neugierig. Wir verabreden uns zum Drink.

Mit vierzehn Jahren wurde Hans vom Vater zur See geschickt. Bevor er sechszehn Lenze zählte, war er schon zweimal in Buenos Aires. Dann später in Australien, nachdem er vom Mast gefallen war und sich die Hand gebrochen hatte, musste er sich eine Arbeit auf der Werft suchen. Er blieb Landratte, wurde 1965 eingebürgert und ging zum Militär.

Von 1968 bis 1971 hatte er vier Einsätze in Vietnam. "Ich war ja schon vor über thirty years here. For Australia, weißt Du. Special Squad." Er wendet seinen Blick von uns ab auf die Straße und redet weiter, als ob ihm da draußen jemand zuhörte.  

Special Squad. Das hieß: Mit Schlauchbooten hinter die feindlichen Linien abgesetzt und nach 3 Tagen wieder abgeholt werden. Alles, was sich dazwischen abgespielt hat, darüber redet Hans nicht. Er nimmt einen Schluck aus der Bierflasche. Im Hintergrund der Kneipe jault Jimi Hendrix.

Hans zeigt mit der Bierflasche auf ein Haus auf der gegenüberliegenden Straße. Im ersten Stock hinter einem Vorhang wandert eine Gestalt auf und ab. "Das ist Richard", sagt er "einer aus der Combat Zone. Denkt er ist Painter und raucht den ganzen Tag." 

Hans hat es besser als Richard. Er ist alle 2 Wochen in psychiatrischer Behandlung, läuft Halbmarathon und hat ein Mädel auf den Philippinen.

Aber die Moodswings, die kommen immer noch. Lachen und Weinen - von einer Minute auf die andere. Und erst neulich, als der Vergaser eines Freundes wie ein Schuss krachte, da hat er sich vor Schreck in den Graben geworfen.

Am nächsten Abend schalte ich endlich weltreise-mit-kind live und verschicke Einweihungs-E-Mails. Ich freue mich: Binnen weniger Minuten haben sich schon vier Besucher im Gästebuch eintragen.
  

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